Liebe Sonnenverwöhnte
Vor der nahenden Sommer(-ferien-)zeit erlaube ich mir eine etwas höhere Kadenz an Artikeln - und führe daher den Zwischenmonat Junli ein. Dies, damit einige Gedanken während einem wohlverdienten Glas Rosé nach einer schweisstreibenden Bergtour oder dem Nickerchen im Korbstuhl am Strand sacken können.
Wem gehören deine Daten? Klingt nach einer rhetorischen Frage – ist es aber nicht. Diesen Monat geht es um ein Thema, das in den letzten Monaten von einer Nerd-Debatte zur strategischen Frage für jedes Unternehmen geworden ist: digitale Souveränität. Konkret: Wer hat Zugriff auf deine Geschäftsdaten – und wer sollte ihn haben?
Beleuchten wir die Dinge zuerst etwas generischer. In einem Folge-Blog darf's dann etwas politischer werden.
Trend 1: Cloud Act – wenn der Datenschutz an der Grenze endet
Anfang Juni 2026 wurde ein Fall publik, der vielen die Augen geöffnet hat: Microsoft hat Daten von zwei niederländischen Staatsangestellten an die US-Regierung weitergegeben. E-Mails, Personaldaten, Sitzungsprotokolle. Nicht weil die Niederlande das wollten – sondern weil der US Cloud Act es vorschreibt. Amerikanische Anbieter müssen auf Anordnung der US-Regierung Kundendaten herausgeben, egal wo die Server stehen.
Das Pikante: Die betroffenen Beamten arbeiten bei der niederländischen Datenschutz- und Wettbewerbsbehörde – ausgerechnet an der Umsetzung des Digital Services Act, der Big Tech regulieren soll. Die US-Regierung hat sich also über einen US-Konzern Zugang zu den Daten jener Leute verschafft, die ihre Geschäfte regulieren wollen.
Und Microsoft? Hat über Jahre beteuert, dass so etwas «unwahrscheinlich» sei und man sich «wehren» würde. Gleichzeitig hat ein Microsoft-Manager 2025 unter Eid bestätigt: Eine Garantie, dass keine Daten an US-Behörden gehen, kann nicht gegeben werden.
Was heisst das für dich? Wenn deine Firma Microsoft 365, Google Workspace oder einen anderen US-Cloud-Dienst nutzt – und das tun die allermeisten – dann unterliegen deine Daten dem Cloud Act. Nicht theoretisch, sondern ganz praktisch. Ob das in deinem Fall je relevant wird? Wahrscheinlich nicht. Aber die Frage ist eine andere: Willst du dich auf «wahrscheinlich nicht» verlassen – oder willst du es selbst in der Hand haben?
Zugegebenermassen ist der Funktionsumfang von M365 von Konkurrenten unerreicht und eine Firma, die sich bspw. der Spezialanfertigung von Rohrsystemen verschrieben hat, wird wenig vom US-Senat zu befürchten haben. Aber Firmen mit politisch heiklen Aufgaben sollten sich Alternativen überlegen oder Microsoft-eigene Schutzfunktionen hochziehen wie Datenverschlüsselung innerhalb der Cloud. Wende dich hierzu an deinen spezialisierten Microsoft-Partner.
Trend 2: Europa und die Schweiz bauen an Alternativen
Was lange nach frommem Wunsch klang, nimmt inzwischen erstaunlich konkrete Formen an.
In Deutschland hat das Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) mit «openDesk» eine komplette Open-Source-Arbeitsplatzlösung entwickelt: E-Mail, Kalender, Chat, Videokonferenzen, gemeinsame Dokumentenbearbeitung, Projektmanagement – alles in einer Oberfläche. Zielgruppe: die öffentliche Verwaltung. Das klingt nach Behördenprojekt, ist es auch – aber die Technologie dahinter ist dieselbe, die jedes KMU nutzen kann.
In der Schweiz ist am 28. April 2026 das «Zentrum SDS – Souveräne Digitale Schweiz» gestartet. 31 Gründungsmitglieder, darunter die Stadt Zürich, das Bundesamt für Cybersicherheit, die Schweizerische Post, Swisscom, PostFinance, Switch und der Kanton Bern. Und Digita Mondo war von Anfang an dabei. Das Netzwerk dahinter zählt inzwischen über 160 Organisationen. Kein Debattierclub, sondern ein Zusammenschluss mit dem Ziel, ein konkretes Schweizer Angebot zu schaffen, das praktische Alternativen zu den grossen US-Anbietern bietet.
Und ganz aktuell: Am 9. Juni 2026 ist «Euro-Office» erschienen – eine souveräne Office-Suite, entwickelt von einem europäischen Konsortium (IONOS, Nextcloud, Eurostack, XWiki und weitere). Dokumente, Tabellen, Präsentationen – als echte Alternative zu Microsoft Office und Google Docs. Open Source, in Europa gehostet, ab sofort verfügbar.
Die Richtung ist klar: Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie schnell sich souveräne Lösungen im Alltag etablieren.
Trend 3: Nextcloud – die Alternative, die schon funktioniert
Nextcloud feiert diesen Monat seinen 10. Geburtstag. Was 2016 als Dateiablage für Technik-Enthusiasten begann, ist heute eine vollwertige Kollaborationsplattform: Dateien synchronisieren, gemeinsam an Dokumenten arbeiten, Videoanrufe, Chat, Kalender, Kontakte, Aufgaben – alles in einem System.
Das Besondere: Nextcloud läuft auf deinem eigenen Server oder bei einem Schweizer Hoster deiner Wahl. Deine Daten bleiben in der Schweiz – nicht weil ein US-Konzern das verspricht, sondern weil du es selbst kontrollierst. Kein Cloud Act, kein Kleingedrucktes.
Die neueste Version «Hub 26 Spring» bringt eine schlankere Oberfläche, die neue Euro-Office-Integration und Nextcloud Governance – ein Compliance-Werkzeug für regulierte Branchen. Die Leistung wurde spürbar verbessert: Ein 10-GB-Upload, der vorher über drei Minuten dauerte, ist jetzt in 45 Sekunden erledigt.
Die Nachfrage gibt der Richtung recht: Nextcloud hat 2025 zwei Millionen neue Nutzerlizenzen verzeichnet, die Anfragen haben sich verdreifacht. Gerade seit dem Amtsantritt der aktuellen US-Administration suchen europäische Organisationen verstärkt nach Alternativen.
Nextcloud ist nicht perfekt – die Einrichtung ist aufwändiger als ein Microsoft-365-Abo, manche Integrationen sind nicht so geschliffen, und für den Support braucht es entweder Know-how oder einen guten Dienstleister. Aber: Es funktioniert. Und es gehört dir.
Und in Horgen? Die Bürger stimmten ab...
Im letzten Digestif habe ich dazu aufgerufen, sich vor der Abstimmung vom 14. Juni über die IT-Zukunft von Horgen zu informieren. Das Resultat liegt vor: 51,77 Prozent Ja, 48,23 Prozent Nein, Stimmbeteiligung 50,8 Prozent. Horgen wird die Zimmerberg Informatik AG nach 16 Jahren verlassen und sich einen neuen IT-Dienstleister suchen.
Mein Fazit bleibt kritisch. Die ZII beschäftigt 14 Mitarbeitende in Horgen, betreut 13 öffentliche Kunden in der Region und hat der Gemeinde jährlich bis zu CHF 135'000 an Dividenden eingebracht. Die wiederkehrenden IT-Kosten steigen mit dem Wechsel von CHF 1,61 Millionen auf CHF 2,4 Millionen – ein Anstieg um knapp die Hälfte. Dazu kommen CHF 1,67 Millionen einmalige Migrationskosten.
Das «Angst-Argument» IT-Sicherheit wurde vom Gemeinderat einseitig und schlecht belegt eingeführt. Die ZII hat ihre Hausaufgaben in Sachen Sicherheit und Geschäftskontinuität gemacht. Und hier schliesst sich der Kreis zum Thema dieses Digestifs: In einer Zeit, in der alle von digitaler Souveränität sprechen – von lokaler Kontrolle, von Unabhängigkeit – gibt Horgen einen IT-Dienstleister auf, den es via Verwaltungsratssitz direkt kontrollieren konnte. Die Gemeinde tauscht Mitsprache gegen eine Ausschreibung am freien Markt. Das ist das Gegenteil von Souveränität. Wenn nun eine Migration in Microsoft 365 kommt, solltest du den nächsten Digestif gut durchlesen.
235 Stimmen haben den Unterschied gemacht. Fast die Hälfte der Stimmenden sah das anders. Für alle, die sich informieren wollen, bleibt die unabhängige Analyse auf it-zukunft-horgen.ch lesenswert – auch im Nachhinein.
Bald zwei Jahre mit Nextcloud
Seit gut zwei Jahren setze ich Nextcloud selbst ein – nicht als Experiment, sondern als mein tägliches Arbeitswerkzeug. Meine Dateien, Kalender, Kontakte und Aufgaben laufen darüber. Die Lösung ist toll, funktioniert - und hat mich Nächte gekostet...
Was gut funktioniert: Die Dateisynchronisation ist stabil und schnell. Der Desktop-Client unter Windows und die Mobile-App unter Android laufen unauffällig – und unauffällig ist bei Sync-Software das höchste Lob. Kalender und Kontakte synchronisieren sich sauber mit meinen Geräten. Zusätzliche Sicherheit bringt die Server-seitige Verschlüsselung aller Daten. Auch wenn jemand an meine Dokumente käme, wären sie nach wie vor unleserlich für den Angreifer.
Was Gewöhnung braucht oder nicht den Anforderungen entspricht: Die Online-Dokumentenbearbeitung war bis vor kurzem nicht auf dem Niveau von Google Docs oder Microsoft 365. Mit Euro-Office wird das gerade deutlich besser – aber ein Word-Ersatz für komplexe Formatierungen ist es noch nicht. Ausserdem: Die Ersteinrichtung ist nichts für Laien. Ich habe meinen Nextcloud-Server selbst aufgesetzt, aber das kann und will nicht jeder. Vieles, was bei Microsoft 365 einfach da ist – Videokonferenzen, Online-Dokumentenbearbeitung, zentrale Benutzerverwaltung inkl. Integration ins Betriebssystem der Geräte, Zero-Trust-Sicherheitslogiken – fehlt bei Nextcloud ganz oder braucht viel Investition in Infrastruktur und Fachleute. Die gute Nachricht dabei ist, dass es bereits Schweizer Hoster gibt, die das komplett für dich übernehmen. Aber der Markt ist noch nicht so weit, dass du das massentauglich einfach als Managed Service beziehen kannst - zumindest nach meinem aktuellen Kenntnisstand. Es bleibt also vorerst eine Arbeitsumgebung für leidensfähige und Ausfall-tolerante.
Trotz allem heisst es: Dranbleiben. Digitale Souveränität klingt nach Grosspolitik. Ist es auch. Aber sie beginnt bei dir – bei der Frage, wo deine Daten liegen und wer darauf zugreifen kann. Wenn du wissen willst, wie deine aktuelle Situation aussieht und welche Optionen du hast: Melde dich. Ich schaue mir das gerne mit dir an.
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Quellen & Hintergrund
Cloud Act: IT Magazine: Cloud Act in Aktion · Netzwoche: US-Clouds und Souveränität CH · The Register:
Microsoft cannot guarantee data sovereignty
ZenDiS & openDesk: zendis.de · Heise: Kriterienkatalog Souveränität
Netzwerk SDS: netzwerksds.ch · Zentrum SDS will digitale Souveränität der Schweiz stärken
Euro-Office & Nextcloud: Euro-Office Release 9. Juni · Nextcloud Hub 26 Spring · 2 Mio. neue Seats 2025
Horgen IT: IT Digestif Juni 2026 · it-zukunft-horgen.ch · Abstimmungsresultate Horgen · Inside IT: Horgen
will IT-Gemeindeverbund verlassen