Liebe Sommerpausierte
Das hier ist der dritte und letzte der drei etwas politischeren Digestifs.
- Im Junli ging es um digitale Souveränität: wem deine Daten gehören und wer darauf zugreift.
- Im Juli um die andere Richtung: was passiert, wenn nicht ein US-Konzern, sondern der eigene Staat zur Risikoquelle wird — Überwachung, Ausweispflicht, das neue Nachrichtendienstgesetz. Und der potenzielle wirtschaftliche Schaden daraus.
Das war keine leichte Kost. Heute nehmen wir den Faden ein letztes Mal auf, aber mit einem anderen Blick. Weniger «was alles schiefgeht», mehr «was könnte funktionieren».
Denn die spannendsten Entdeckungen der letzten Wochen lagen nicht in den Problemen, sondern in deren (möglichen) Lösungen.
Technologie und Macht
Damit uns Lösungen gelingen können, brauchen wir ein Verständnis davon, dass Technologie auch Macht bedeutet. Das tönt wie eine Plattitüde, ist aber zentral. Dabei wirkt Technik auf sehr unterschiedliche Weise auf Macht.
Vier Charaktere der Technik
Langdon Winner beschreibt die eine Achse [1]: Manche Technologien verteilen Macht (Buchdruck, Open Source, Ende-zu-Ende-Verschlüsselung), manche konzentrieren sie (zentrale Datenbanken, Massenüberwachung). Doch eine zweite Achse ist mindestens so wichtig — was eine Technik mit unseren eigenen Fähigkeiten macht: Erweitert sie sie, oder lässt sie sie verkümmern (Nicholas Carr, «The Shallows» [2])? Aus beiden Achsen ergeben sich vier Charaktere:
- machtzentrierend oder machtverteilend,
- und dabei fähigkeitserweiternd oder fähigkeitsverkümmernd.

Eigene Systematik nach Kranzberg [3], Winner [1], Carr [2] und Illich [4]
Die Y-Achse ist keine neue Idee. Schon 1973 unterschied Ivan Illich in «Tools for Conviviality» [4] zwischen konvivialen und industriellen Werkzeugen. Konviviale Werkzeuge erweitern das Können und die Selbstbestimmung ihrer Nutzer — das Fahrrad, die Bibliothek, das Telefon. Industrielle Werkzeuge kehren das Verhältnis um: Sie verlangen Spezialisten, erzeugen Abhängigkeit und machen aus Nutzern Bediente. Illichs Frage ist bis heute die richtige: Bedient das Werkzeug den Menschen — oder bedient der Mensch das Werkzeug?
Co-Evolution verändert den Einfluss eines Werkzeugs
Der Technikphilosoph Oliver Schlaudt geht in «Das Technozän» noch weiter [5]: Mensch und Technik haben sich über Jahrmillionen gemeinsam entwickelt, in ständiger Wechselwirkung. Technologie ist kein Werkzeug, das man benutzt und wieder weglegt — sie verändert den, der sie benutzt, und die Gesellschaft, in der sie eingesetzt wird. Schlaudt nennt das die «Technosphäre»: einen Raum, in dem biologische und technische Entwicklung untrennbar verwoben sind.
Wichtig: Kein Quadrant ist «Schicksal». Design, Regulierung und Nutzung entscheiden, wo eine Technik landet.
- Das Internet wurde dezentral geboren und ist heute einer der grössten Machtkonzentratoren.
- Die E-ID kann Behördenwerkzeug bleiben oder zum Ausweiszwang werden.
- KI kann auch lokal ausgeführt werden mit offenen, evtl. sogar selbst trainierten Modellen.
Warum Technik tendenziell Macht konzentriert
Die Aussage, dass Technik tendenziell Macht stärkt, ist natürlich parteiisch, es gibt aber namhafte Konzepte dahinter welche diese Behauptung durchaus stützen:
- Im Juli-Digestif bereits kennengelernt haben wir den «Function Creep» [6]: Eine Technik wird für Zweck A eingeführt und dehnt sich Schritt für Schritt auf B und C aus — jeder Schritt für sich vernünftig begründet. Aber von Beginn an hätte niemand C einführen wollen.
- Unterstützt wird der Function Creep vom «Overton-Fenster» [7]: Es beschreibt den Rahmen dessen, was politisch überhaupt sagbar ist — und wie dieser Rahmen wandert. Was gestern undenkbar war, wird zuerst radikal, dann vertretbar, dann Konsens. Nicht die Argumente ändern sich, sondern die Grenze dessen, worüber man ohne Empörung reden kann.
- Dazu kommt der «Ratchet-Effekt» [8]: Einmal geschaffene Befugnisse werden fast nie zurückgenommen. Oft auch, weil die politischen Kosten fürs einfache Verlängern der Befugnisse tiefer sind, als deren Auflösung. Verwandt mit dem, was jedem Projektleiter als die Sunk-Costs-Falle bekannt sein dürfte. [9]
- Verstärkt wird das dadurch, dass jedes System sein eigenes Ökosystem aus Personal, Budgets und Zulieferern schafft, das die Rücknahme strukturell verhindert, selbst wenn der politische Wille da wäre. [8]
- Ebenfalls spannend ist «Maslows Hammer» (eigentlich Kaplan 1964[10]): wer nur Überwachung im Werkzeugkasten hat, sieht überall Überwachungsdefizite.
Alles zusammen erklärt, warum Technologien oft Richtung linke Quadranten tendieren (Machtkonzentration), wenn niemand aktiv dagegenhält.
Kann man den Charakter einer Technik von Anfang an erkennen?
Für manche Technologien ja: Atomkraft erfordert zwingend zentrale Kontrolle — das liegt in der Physik des Brennstoffs. Solarenergie erlaubt dezentrale Erzeugung — das liegt in der Beschaffenheit des Sonnenlichts. Winner nannte das «inhärent politische Technologien» [1]. Für die meisten Technologien gilt das aber nicht. Und dann lauert das Collingridge-Dilemma [11]: Früh weiss man wenig über die Folgen, kann aber noch alles gestalten; später weiss man viel, kann aber kaum mehr etwas ändern.
Entsprechend empfiehlt es sich so früh, wie möglich und systematisch hinzuschauen — man nennt das Technikfolgenabschätzung [12]. Denn die Folgen einer Technik reichen über ihren Zweck hinaus, und ihre Kosten sind oft versteckt:
- ökologisch (die Rechenzentren und Produktionsgüter für Technologie)
- kognitiv (Aufmerksamkeit, verlernte Fähigkeiten)
- ökonomisch (Rebound, Lock-in)
- sozial (veränderte Kultur, veränderte Beziehungen/Beziehungsfähigkeit, veränderte Regeln des Zusammenlebens)
Wer nur den Nutzen bilanziert und diese Technologiefolgekosten ausblendet, rechnet sich jede Technik schön.
Und wenn sich etwas anders entwickelt als gewünscht?
Paul Watzlawick hat dafür zwei Perspektiven, die zusammengehören.
Wandel [13]:
- Du bist in einem Albtraum gefangen, rennst, kämpfst, versteckst dich — nichts hilft, also rennst du schneller. Das ist Wandel erster Ordnung: mehr vom Selben, ohne das System selbst zu hinterfragen.
- Wandel zweiter Ordnung bedeutet aus dem Albtraum zu erwachen. Die Sache von Grund auf neu denken.
Wirklichkeit [14]:
Die erste Ordnung beschreibt die nackten Fakten (Gold wiegt schwer und glänzt).
Die zweite Ordnung bezeichnet die Bedeutung, die wir den Fakten zuschreiben. (was Gold wert ist, konstruieren wir täglich neu an der Börse).
«Mehr Überwachung» verändert beispielsweise bezüglich Wandel und Wirklichkeit nur die jeweils erste Ordnung — mehr Kameras, mehr Daten.
Wirklich neu denken heisst, an die zweite Ordnung zu gehen: an die Annahmen, die wir längst nicht mehr hinterfragen. So zum Beispiel, dass Sicherheit dasselbe sei wie Kontrolle. Komplexe Probleme werden oft routinemässig wie einfache behandelt; genau das ist der Kategorienfehler, den auch Dave Snowden beschreibt [15]. Mehr dazu weiter unten.
Der radikalste Umbau stellt also nicht die Dosis infrage, sondern die Grundüberzeugung. Genau das tut der Philosoph Jean-Claude Michéa in «Das Reich des kleineren Übels» [16]: Er zeigt, dass moderne Gesellschaften — ökonomisch wie moralisch — vor allem darauf gebaut sind, das Schlimmste zu verhindern, statt das Gute zu wollen. Überwachung ist diese Politik des kleineren Übels in Reinform: Sie verhindert vielleicht Schlimmes, aber sie baut nichts auf und zehrt an dem, was von Philosophen die «common decency» genannt wird — den selbstverständlichen Anstand und das Vertrauen der einfachen Leute.
Es gibt Beispiele, wo das Neudenken, also ein Wandel zweiter Ordnung, funktioniert hat:
- Portugal hat 2001 Besitz und Konsum aller Drogen für den Eigenbedarf entkriminalisiert (der Handel blieb strafbar) und das Problem vom Straf- zum Gesundheitsfall umklassiert — die Drogentoten sind seither deutlich gesunken. [17]
- Finnland hat bei der Obdachlosigkeit die Reihenfolge umgedreht (zuerst die Wohnung, dann die Unterstützung) und ist das einzige EU-Land, in dem die Obdachlosigkeit lange Zeit kontinuierlich gesunken ist. [18]
- Das dänische Aarhus-Modell behandelt Radikalisierung als soziales statt als Überwachungsproblem. [19]
In jedem Fall wurde nicht die Dosis erhöht, sondern die Diagnose geändert.
Aber mehr vom Selben ist manchmal nötig, oder?
Der naheliegende Einwand lautet: «Manchmal braucht es einfach mehr. Manchmal ist Durchhaltevermögen die richtige Antwort.»
Es wäre unehrlich zu behaupten, «mehr vom Selben» sei immer falsch. Die Luftfahrt zeigt exemplarisch, dass es funktionieren kann. Seit Jahrzehnten arbeitet sie am selben Ziel mit derselben Methode — jeden Zwischenfall untersuchen, die Erkenntnis in Checklisten, Technik und Ausbildung zurückspielen, wiederholen. Die Unfallrate ist dabei von 3,72 auf 1,32 pro Million Flüge gesunken, während der Luftverkehr stark zunahm [20]. Erkauft wurde das allerdings mit einem Aufwand an Redundanz, Meldekultur und Regulierung, den kaum eine andere Branche betreibt.
Woran erkennt man also den Unterschied zwischen sinnvoller Ausdauer und sinnloser Eskalation? An der Zwischenevidenz. Die Luftfahrt prüft nach jedem Schritt, ob er gewirkt hat — und ändert die Mittel, wenn nötig. Als in den Siebzigerjahren klar wurde, dass nicht mehr die Technik versagte, sondern die Rangordnung im Cockpit, wurde daraus auch ein Wandel zweiter Ordnung: Das Crew Resource Management machte Widerspruch von der Aufmüpfigkeit zur Pflicht.
Der «War on Drugs» hingegen hat in fünfzig Jahren bei keinem Zwischenschritt die erwünschten Ergebnisse geliefert und wurde trotzdem immer weitergeführt.
Karl Popper hat eine Orientierung für solche Situationen geliefert [21]: Wir können nie sicher wissen, was richtig ist — wohl aber, was nachweislich nicht funktioniert. Erkenntnis entsteht durch Falsifikation. Persistenz ist also manchmal gerechtfertigt, solange sie von ehrlicher, laufender Wirkungsmessung begleitet wird. Sobald die Evidenz fehlt oder aktiv ignoriert wird — sobald negative Resultate bspw. externen Faktoren zugeschrieben werden, statt den eigenen Ansatz zu hinterfragen —, kippt Ausdauer in Watzlawicks Falle.
In einem einfachen System liegt die Kausalkette offen: Ein signaturbasierter Virenschutz erkennt einen bekannten Schädling, ein Update fügt eine neue Signatur hinzu, das Problem ist gelöst. Hier ist «mehr vom Selben» genau richtig, weil Ursache und Wirkung direkt verknüpft sind.
Sobald das System aber komplex wird — und Organisationen, Sicherheit und Gesellschaften sind komplexe Systeme —, bricht diese Logik zusammen. Dort gibt es keine einfachen Ursache-Wirkungs-Ketten, sondern Rückkopplungen, Zeitverzögerungen und Effekte, die niemand vorhergesehen hat. Wer in einem solchen System unikausal argumentiert («das Problem sind die Extremisten, also brauchen wir mehr Überwachung»), begeht einen Kategorienfehler: Er behandelt ein komplexes System wie ein einfaches.
Bei der Einordnung hilft die Cynefin-Systematik [15]:

Interessanterweise hat Charles Perrow für technische Systeme bereits 1984 gezeigt [22]: In eng gekoppelten, komplexen Systemen sind Unfälle unvermeidlich, weil die Wechselwirkungen unvorhersehbar sind. Zusätzliche Sicherheitsmassnahmen erhöhen manchmal sogar die Komplexität — und damit das Risiko. Ein perfektes Beispiel für kontraproduktives «mehr vom Selben». Die Luftfahrt ist die grosse Ausnahme von dieser Regel — und sie zeigt zugleich, was diese Ausnahme kostet.
Wo wurde «mehr vom Selben» aktiv gestoppt?
Es gibt auch Beispiele, wo genau das gelungen ist:
Asilomar 1975 — Wissenschaftler bremsen sich selbst [23]
Als die Technik der rekombinanten DNA entstand, legten die beteiligten Wissenschaftler freiwillig ein Moratorium ein. Die Asilomar-Konferenz führte zu Richtlinien, die jahrzehntelang hielten. Ehrlicherweise gehört dazu: Der Verzicht sorgte vor allem dafür, dass die Kontrolle in den Händen der Wissenschaft blieb — geschicktes Governance-Design, kein selbstloser Verzicht.
Südafrika 1989–1991 — ein Land gibt Atomwaffen auf [24]
Das einzige Land der Welt, das ein funktionierendes Atomwaffenarsenal freiwillig wieder abgebaut hat. Auch hier der Zusatz: Die Motivation war machtpolitisch, nicht ethisch — de Klerk wollte nicht, dass eine künftige Regierung die Waffen erbt.
Chemiewaffenkonvention 1993 — eine Norm hält [25]
193 Vertragsstaaten, 99 Prozent der deklarierten Bestände vernichtet. Trotz Verstössen (Syrien, Nowitschok) im Grossen und Ganzen wirksam. Sie zeigt: Verbindliche internationale Abkommen mit echten Kontrollmechanismen können solche Entwicklungen stoppen — wenn es Institutionen gibt, die funktionieren.
San Francisco 2019 — Gesichtserkennung verboten [26]
Die Stadt hat die polizeiliche Nutzung von Gesichtserkennung ausdrücklich untersagt, mehrere andere US-Städte folgten.
Die gemeinsame Lehre: Jede dieser Unterbrechungen beruhte auf funktionierenden Institutionen oder internationaler Kooperation — keine einzige auf gutem Willen allein. Womit sich die Frage stellt, wer oder was diese Institutionen eigentlich am Leben hält.
Sechs technologiefreie Werkzeuge, die wirken
Robert Sampson von der Harvard University hat 1997 in «Science» die Collective Efficacy beschrieben [27]: Nachbarschaften mit hohem Zusammenhalt und der Bereitschaft, füreinander einzustehen, haben deutlich weniger Gewalt — unabhängig von Einkommen, Herkunft oder Polizeipräsenz. In seiner Ursprungsstudie lagen die Gewaltraten dort rund 40 Prozent tiefer. Kein Kamerasystem kommt in die Nähe dieser Grössenordnung (in einer Meta-Studie brachten es Überwachungskameras auf rund 13 Prozent [28], wenn auch nicht direkt vergleichbar). Wilkinson und Pickett argumentieren in «The Spirit Level» aus anderer Richtung [29] — methodisch umstritten, im Kern aber vielfach bestätigt: Nicht Armut macht gewalttätig, sondern das Gefühl, unfair behandelt zu werden.
Daraus, und aus ein paar Beobachtungen, lassen sich sechs Werkzeuge ableiten (ironischerweise fast schon die perfekte Anleitung fürs tägliche Pendeln in Zürcher S-Bahnen):
- Aufmerksamkeit: Hinschauen und eingreifen, wenn etwas nicht stimmt — nicht als Überwachung, sondern als Anteilnahme.
- Freundlichkeit: Vertrauen und positive Begegnung zwischen Gruppen sind direkt mit tieferer Gewaltneigung verbunden. Klingt banal, ist aber messbar.
- Fairness: In Gesellschaften mit geringer Ungleichheit gibt es weniger Gewalt und weniger psychische Erkrankungen — der Zusammenhang ist stärker als jener zur Polizeipräsenz.
- Spielregeln, die für alle gelten: Wer die Regeln als fair erlebt, hält sich eher daran. Wer sich benachteiligt fühlt, nicht.
- Verantwortungsbewusste Eliten: Wo Eliten Verantwortung übernehmen statt zu spalten, gibt es weniger soziale Schäden. Aktuell vielleicht das grösste Potenzial unserer Zeit.
- Keine wirtschaftlichen Explosionen: Wo Normalverdiener aus ihren Quartieren verdrängt werden, bricht weg, was Sampson meint: die Vielfalt, das Gespräch über den Gartenzaun. Dann wird die Pfnüselküste zum Panoptikum mit Seeblick (jenem Rundbau, in dem sich alle beobachtet fühlen, weil niemand weiss, ob gerade jemand hinschaut): alle schauen geradeaus, niemand füreinander.
Übersetzt in den Betriebsalltag kennt das jede Schweizer KMU-Chefin, jeder Chef: Du
kannst deine Leute nicht bei jedem Handgriff kontrollieren. Es braucht ein
Vertrauensverhältnis, sonst läuft der Laden nicht — egal, wie viele Kameras im Lager
hängen. Vertrauen ist kein naives Risiko, sondern eine der effizienteren Formen von Sicherheit,
die einem Betrieb zur Verfügung stehen. Und was für die eigene Belegschaft gilt, gilt auch für die eigene Nation:
Ein Staat, der seinen Bürgern grundsätzlich misstraut und alles kontrollieren will,
untergräbt am Ende dasselbe Vertrauen, das eine Gesellschaft zusammenhält.
Vertrauen ist quasi der Gegenentwurf — billiger, wirksamer, und niemand muss dafür seine Grundrechte
abgeben.
Funktionierende Institutionen schützen diese Ansätze
Sechs Werkzeuge für ein System — aber wer hält sie in Betrieb? Daron Acemoglu und James Robinson (Wirtschaftsnobelpreis 2024, gemeinsam mit Simon Johnson [30]) nennen den Schlüssel: inklusive Institutionen [31], die Macht breit verteilen, gegen extraktive, die Macht bei Eliten bündeln. Frei übersetzt auf die Technologiefrage kommen wir auf sieben Säulen:
- Gewaltentrennung [32], ergänzt um eine offene, echt-diverse «vierte Gewalt» der Medien — heute auch jenseits der klassischen Redaktionen, von unabhängigen Kanälen bis YouTube. Mit einem Vorbehalt: Diese neuen Kanäle laufen selbst über machtkonzentrierende Plattformen. Vielfalt, die von einem einzigen Gatekeeper abhängt, ist keine.
- Subsidiarität [33]: Entscheide möglichst nah bei den Betroffenen, das wirkt als Bremse und als Frühwarnsystem.
- Milizsystem [34]: wer selbst betroffen ist von dem, worüber er entscheidet, überlegt es sich zweimal. Ausserdem sorgt eine funktionierende Miliz für eine erfrischende Durchmischung der Gesellschaftsschichten.
- Sunset-Klauseln [35]: jede Sonderbefugnis mit Ablaufdatum, kombiniert mit unabhängiger Evaluation.
- Direkte Demokratie [33]: dass eine Gemeinde über ihre eigene IT abstimmen kann, ist an und für sich schon der Punkt (auch wenn manch einer sich das Ergebnis anders gewünscht hätte...).
- Unabhängige Aufsicht [36]: Datenschutzbehörden, die handeln und nicht nur mahnen — kontrolliert von den übrigen Säulen.
- Föderalismus [37]: für die Schweiz selbstverständlich, als Säule aber zentral. Mehrere, sich überlappende Kontrollebenen machen ein System widerstandsfähig gegen Machtkonzentration. Robustheit entsteht durch Redundanz, nicht durch Effizienz.
Der Schlüsselbegriff heisst Pluralismus: Wo viele mitentscheiden und kontrollieren, kann sich Macht nicht unbemerkt konzentrieren.
Und die vielleicht wichtigste Nachricht dieser Ausgabe: Oben vorgestellte Institutionen zeigen immer wieder Wirkung.
- Die Chatkontrolle wurde vorerst entschärft [39],
- das Bundesverwaltungsgericht wies die Kabelaufklärung zur verfassungskonformen Nachbesserung zurück [40],
- der Bundesrat musste die VÜPF-Revision neu aufgleisen [41].
Nichts davon war Zufall — es war das Ergebnis wacher Gerichte und einer kritischen Zivilgesellschaft.
Acemoglu hat diesen Gedanken 2023 zusammen mit Simon Johnson direkt auf die Technik angewendet [38]: Ob eine neue Technologie breiten Wohlstand bringt, ist keine Automatik, sondern eine politische und wirtschaftliche Entscheidung. Technik folgt traditionell dem, was die Mächtigen wollen — dem Gemeinwohl hat sie historisch vor allem dann gedient, wenn Eliten gezwungen wurden, Macht zu teilen.
Ergo?
Wenn wir obenstehende Gedanken zusammenfassen, darf man ein paar Schlüsse ziehen:
- Technologie ist ein Werkzeug, kein Schicksal. Wer versteht, welchen Typ er einsetzt — machtverteilend oder machtkonzentrierend, konvivial oder industriell —, entscheidet bewusster. Das gilt für die Cloud deiner Firma so gut wie für die E-ID.
- Prüf die Diagnose, nicht nur die Dosis. Wenn etwas nicht funktioniert, ist «mehr davon» selten die Antwort — nicht in der Sicherheitspolitik und nicht beim IT-Projekt, das seit fünf Jahren «fast fertig» ist.
- Die beste Versicherung gegen schleichende Machtverschiebung heisst weder Misstrauen noch Kontrolle, sondern Aufmerksamkeit, Fairness, Gemeinschaft. Eine Nachbarin, die ehrlich interessiert nachfragt, ob alles in Ordnung ist, wirkt stärker als eine Kamera an der Hauswand.
- Funktionierende Institutionen sind eine Absicherung dafür, dass sich Macht breit verteilt statt konzentriert.
Der rote Faden bleibt: Nicht allein das Werkzeug entscheidet, sondern wer es mit welcher Intention einsetzt und ob jemand bei der Anwendung hinschaut. Du musst nicht sofort den Weltfrieden herbeiführen wollen, aber du kannst in deinem Dunstkreis die Dinge in einem für dich machbaren Tempo in Ordnung bringen: wo deine Daten liegen, wie damit umgegangen wird, wem du vertraust, was du mit deinen Werkzeugen anstellst — all das entscheidest du.
Und falls du dabei einen Mitspieler benötigst, der mit dir den Kopf schräg hält und ein paar gute Ideen beisteuern kann, darfst du dich sehr gerne bei mir melden.
In diesem Sinne wünsche ich dir einen kühlen Kopf und einen schönen Rest-Sommer und freue mich, im nächsten Digestif der Frage nach der perfekten KI-Strategie und einem Abstecher in die Chaos-Phase nachzugehen.
Quellen und weiterführende Literatur
[1] Winner, Langdon: «Do Artifacts Have Politics?», Daedalus 109(1), 1980. JSTOR
[2] Carr, Nicholas: «The Shallows: What the Internet Is Doing to Our Brains», 2010.
[3] Kranzberg, Melvin: «Technology and History: Kranzberg's Laws», Technology and Culture 27(3), 1986. JSTOR · freies PDF
[4] Illich, Ivan: «Tools for Conviviality», 1973.
[5] Schlaudt, Oliver: «Das Technozän», Klostermann, 2022.
[6] Selinger, Evan / Rhee, Judy: «Normalizing Surveillance», SATS 22(1), 2021. Empirischer Fall: Pereira, Gabriel / Raetzsch, Christoph: «From Banal Surveillance to Function Creep: Automated License Plate Recognition (ALPR) in Denmark», Surveillance & Society 20(3), 2022. Volltext
[7] Overton, Joseph P.: Konzept des «Overton Window», Mackinac Center for Public Policy. mackinac.org
[8] Posner, Eric / Vermeule, Adrian: «Accommodating Emergencies», Stanford Law Review 56(3), 2003.
[9] Staw, Barry: «Knee-Deep in the Big Muddy: A Study of Escalating Commitment to a Chosen Course of Action», Organizational Behavior and Human Performance 16(1), 1976.
[10] Kaplan, Abraham: «The Conduct of Inquiry», 1964.
[11] Collingridge, David: «The Social Control of Technology», 1980.
[12] TA-SWISS, Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung, Bern. ta-swiss.ch
[13] Watzlawick, Paul / Weakland, John / Fisch, Richard: «Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels», 1974.
[14] Watzlawick, Paul: «Wie wirklich ist die Wirklichkeit?», 1976.
[15] Snowden, David / Boone, Mary: «A Leader's Framework for Decision Making», Harvard Business Review, November 2007. hbr.org
[16] Michéa, Jean-Claude: «L'Empire du moindre mal», 2007 (dt. «Das Reich des kleineren Übels»).
[17] Hughes, Caitlin / Stevens, Alex: «What Can We Learn From The Portuguese Decriminalization of Illicit Drugs?», British Journal of Criminology 50(6), 2010. DOI
[18] Y-Foundation: «A Home of Your Own. Housing First and Ending Homelessness in Finland», 2017. Handbuch, gratis
[19] Bertelsen, Preben: «Danish Preventive Measures and De-radicalization Strategies: The Aarhus Model», 2015.
[20] IATA: Annual Safety Report 2025 (März 2026). Pressemitteilung · Executive Summary, PDF
[21] Popper, Karl: «Logik der Forschung», 1934/1959.
[22] Perrow, Charles: «Normal Accidents: Living with High-Risk Technologies», 1984.
[23] Berg, Paul et al.: «Summary Statement of the Asilomar Conference on Recombinant DNA Molecules», PNAS, 1975. Kritische Einordnung zum 50-Jahr-Jubiläum: Hurlbut, J. Benjamin: «Taking responsibility: Asilomar and its legacy», Science, 2025. DOI
[24] de Villiers, J.W. / Jardine, Roger / Reiss, Mitchell: «Why South Africa Gave Up the Bomb», Foreign Affairs, 1993.
[25] Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW): Chemiewaffenübereinkommen, 1993, sowie laufender Vernichtungsstand. opcw.org
[26] City and County of San Francisco: «Stop Secret Surveillance Ordinance» (Ordinance 103-19), 2019.
[27] Sampson, Robert / Raudenbush, Stephen / Earls, Felton: «Neighborhoods and Violent Crime: A Multilevel Study of Collective Efficacy», Science 277, 1997. science.org
[28] Piza, Eric L. / Welsh, Brandon C. / Farrington, David P. / Thomas, Amanda L.: «CCTV surveillance for crime prevention: A 40-year systematic review with meta-analysis», Criminology & Public Policy 18(1), 2019, S. 135–159.Wiley · freies PDF
[29] Wilkinson, Richard / Pickett, Kate: «The Spirit Level», 2009.
[30] Wirtschaftspreis im Gedenken an Alfred Nobel 2024 (Acemoglu, Johnson, Robinson). nobelprize.org
[31] Acemoglu, Daron / Robinson, James: «Why Nations Fail», 2012.
[32] Montesquieu, Charles de: «De l'esprit des lois», 1748 (Gewaltentrennung). — Zum Begriff der Medien als «vierter Gewalt»: Carlyle, Thomas: «On Heroes, Hero-Worship and the Heroic in History», 1841, der die Prägung Edmund Burke zuschreibt.
[33] Schweizerische Bundesverfassung (SR 101): Art. 5a und Art. 43a Abs. 1 (Subsidiarität) · Art. 34 (Garantie der politischen Rechte), Art. 39 Abs. 1 (Kantone regeln die Ausübung in kantonalen und kommunalen Angelegenheiten) sowie Art. 136–142 (Volksinitiative und Referendum auf Bundesebene). fedlex.admin.ch — Zur Ideengeschichte der Subsidiarität: Pius XI., «Quadragesimo anno», 1931, Nr. 79. vatican.va; Für die kommunale Ebene konkret: Gemeindegesetz des Kantons Zürich vom 20. April 2015 (LS 131.1). zh.ch
[34] Milizsystem: «Milizsystem» im Historischen Lexikon der Schweiz. hls-dhs-dss.ch
[35] Gersen, Jacob E.: «Temporary Legislation», University of Chicago Law Review 74(1), 2007. Volltext PDF · Chicago Unbound
[36] Bulmer, Elliot: «Independent Regulatory Institutions», International IDEA, 2019. idea.int
[37] Bednar, Jenna: «The Robust Federation: Principles of Design», Cambridge University Press, 2009. Cambridge Core
[38] Acemoglu, Daron / Johnson, Simon: «Power and Progress: Our Thousand-Year Struggle Over Technology and Prosperity», 2023. MIT Shaping Work
[39] netzpolitik.org: «Trilog zur Chatkontrolle geht in entscheidende Phase», 2026. netzpolitik.org
[40] Bundesverwaltungsgericht, Urteil A-6444/2020 vom 19.11.2025: Funk- und Kabelaufklärung verletzt Bundesverfassung und EMRK. Digitale Gesellschaft
[41] VÜPF-Revision: Regulierungsfolgenabschätzung und zweite Vernehmlassung. Digitale Gesellschaft